2004, Aachen: Route 66
Gerade hatte ich eine pampige Pussy irgend eines Major-Labels am Telefon, die mir klar machte, dass sämtliche Musik dieses Labels, die in unserem Film irgendwo beim Burger-Essen aus dem McDonalds-Fernseher, beim Reifenwechseln aus dem Nachbarauto, an der Tankstelle, im Supermarkt, im Motel, im Autoradio oder wo auch immer zu hören sei, für uns Tabu ist. Wir könnten zwar theoretisch die Rechte klären, aber das könnten wir uns ohnehin nicht leisten und das wäre auch sehr aufwendig.
Ich wollte noch fragen, ob ich dann in Zukunft meine Meinung praktisch nirgend mehr vor der Kamera kundtun könne, weil sie mit ihrer Scheissmusik überall in den öffentlichen Raum reinstrahlen. Aber sie tönte gleich weiter: Man hätte dann ausserdem bei der Verwertung des Films natürlich auch ein Wörtchen mitzureden - wann immer wir mit dem Film etwas machen wollen, das nicht von Anfang an geplant war, dürfen wir dann erst mal nachfragen.Tom hat inzwischen die GEMA am Telefon, wo man ihm klar macht, dass er seine eigene Musik nicht im Internet veröffentlichen dürfe, ohne dafür pro Download eine Gebühr abzudrücken. Von dieser Gebühr würde er selbstverständlich einen Teil zurückbekommen, aber nun auch nicht gleich alles. Die GEMA selbst will finanziert werden und der Verwertungsschlüssel, der bestimmt, an welche Musiker die GEMA-Einnahmen ausgeschüttet werden, ist so konstruiert, dass WIR letztendlich mit jedem Download von UNSERER Seite nicht nur die GEMA-Grillparties sondern auch die nächsten Alben von Grönemeyer und Udo Jürgens bezahlt hätten. Seid ihr denn alle WAHNSINNIG?
Das war mein erster Kontakt mit der Offline-Entertainment-Industrie und es wurde nicht viel besser.
Tom trat aus der GEMA aus. Wir synchronisierten alle Passagen im Film neu, in denen Moby & Co. die Audiospur verseuchten und beschlossen, nie wieder was mit dem 20. Jahrhundert zu tun haben zu wollen.
Weihnachten 2004, Leipzig: Route 66 wird released
Nach dieser Enttäuschung machen uns die 30.000 €, die uns der MDR anbietet, nun auch nicht schwach und Tom und ich beschliessen in einem Leipziger Wohnheimzimmer, den Film unter Creative Commons Lizenz im Netz zu veröffentlichen. Wir starten ein paar Guerilla-Marketing Aktionen, gehen aber eher davon aus, dass das Ganze ein Geheimtipp im Netz bleibt.Am Tag drauf berichtet Heise, meine Schwester liest es in Hamburg in der S-Bahn, Toms Mom hört es beim Kuchen essen im Deutschlandfunk und eine alte Schulfreundin ruft an und verspricht uns, beim nächsten Film zu helfen.
Das kommende halbe Jahr verbringe ich Fulltime damit, den Film unter die Leute zu bringen, danach ist er auf 600.000 DVDs im Umlauf und wurde gut 1 Mio. mal runtergeladen. Dank newthinking werden wir auf die Free Culture-Szene aufmerksam und wir stellen fest, dass unsere Entscheidung netzpolitisch relevant war. 30.000 € bringt uns das zwar trotzdem noch nicht, aber die nötige Motivation, den nächsten Film anzupacken.

2005, Leipzig: Die Letzte Droge
Ich fliege an der Oper fast aus der Karre unseres Sponsores, weil die Türelektronik seines 7ers im Arsch ist. Tommi Jannot ist unser erster Sponsor - er hat uns für Route 66 genug Kohle gegeben, damit wir erst mal bedenkenlos ein Büro mieten und einen Low Budget-Drehplan aufstellen können. Auch Toms Soundtrack sponsert er gleich noch und die GEMA kuckt dumm aus der Wäsche.2005: Drehvorbereitung "Die Letzte Droge" & 2006: Feierabend im WM-Sommer
Am Set der Droge: Tom kümmert sich fast im Alleingang um den Ton. Alle sind am Anschlag. Knallen da Regnentropfen auf das Hallendach? Lässt jemand den russischen Stromgenerator mit schlechtem Sprit
laufen? Beginnt vor dem Hallentor gerade eine Gänsejagd? "Weitermachen!"
Das ist Guerilla-Filmmaking, so hängt man sich 3 Jahre Postproduktion ans Bein, aber so macht man Filme im Hi Budget-Look mit fünf Mann, 15.000 Euro auf dem Konto und ein paar Kreditkarten.
2008, Sommer
Während ich mit einem orthodoxen Mönch und einem durchgeknallten Chirurgen auf der Supermoto meiner Frau durch Russland fahre, um mal wieder etwas Input und einen Break nach fünf Jahren Dauerarbeit zu bekommen, beginnt Tom das finale Sounddesign der Droge im neuen Studio. Folge Tom auf twitter und MySpace.




